Humbert Fink (1933 – 1992)


Auszug aus dem Maria Saaler Gemeindebuch
Käuflich zu erwerben bei der Marktgemeinde Maria Saal, € 45,-


Für einen „Unruhigen“, der seine Wurzeln in Süditalien hatte, seine wahre Heimat aber in Österreich finden sollte, wurde Maria Saal in Kärnten zum Ruhe- und Lebensmittelpunkt.

Der Wahlkärntner Humbert Fink wurde am 13. August 1933 in Vietri sul Mare in Süditalien als Luigi Umberto - so der amtliche Name – geboren. Seine Kindheit verbrachte er, mehrsprachig aufwachsend, in Süditalien, die Schulzeit und frühen Jugendjahre in Villach. Mit dreizehn Jahren bereits verfasste er seine ersten Gedichte. Sein Ziel, Schriftsteller zu werden, verfolgte er seit damals konsequent, auch unter den größten materiellen Schwierigkeiten, in die sich der Jugendliche durch seine Flucht nach Wien brachte. Dort hielt er sich zuerst mit Gelegenheitsarbeiten, u. a. als Statist beim Theater, Zeitungs- und Würstelverkäufer, über Wasser, später war er als Werbevertreter sehr erfolgreich und finanziell unabhängig. Nebenbei aber war Fink seit seiner Mittelschulzeit in Villach stets schriftstellerisch tätig. Er schrieb für Zeitungen im deutschsprachigen Raum und fand so schließlich zu seiner Berufung als freier Autor, Publizist und Journalist.
Im Jahre 1953 erschien - gefördert von der Klagenfurter Verlegerin Edith Kleinmayr - seine erste Buchveröffentlichung, der Gedichtband „Verse aus Aquafredda“. 1958 folgte sein erster Roman „Die engen Mauern“, eine Abrechnung mit der Spießbürgerlichkeit in einer österreichischen Kleinstadt. Der große Erfolg dieses Schlüsselromans brachte Humbert Fink den Durchbruch als Schriftsteller. 1960 erschien sein zweiter Roman „Die Absage“ im Druck, dann folgten Erzählungen, Essays sowie im Laufe der Jahrzehnte zahlreiche Reise- und Sachbücher, darunter Biographien von bedeutenden historischen Persönlichkeiten wie z. B. Franz von Assisi, Martin Luther, Machiavelli, Metternich, Kaiser Joseph II., Franz Grillparzer oder Andreas Hofer. Die Beschäftigung mit Geschichte überhaupt, besonders aber mit der Geschichte der Kronländer der ehemaligen österreichischen Monarchie, war eine der großen Vorlieben von Humbert Fink. Im Jahr seines Todes erschien sein letztes großes Werk, „Auf den Spuren des Doppeladlers – Ein altösterreichischer Bilderbogen“, eine spannende literarische Reise durch Alt-Österreich. Seine auf eigener Anschauung beruhenden Berichte führen von der Vergangenheit in die Gegenwart und geben vielfach Anreiz, ihm auf den Spuren der einstigen Monarchie in deren Nachfolgestaaten nachzureisen. In vielen Artikeln, Essays und Büchern brachte er seit den sechziger Jahren den mediterranen Raum, dem sein ganz besonderes Interesse und seine Sehnsucht galten, einfühlsam und informativ dem interessierten Leserpublikum näher. Seine wiederholten Aufenthalte im Mittelmeerraum und in der arabischen Welt schlugen sich in zahlreichen literarischen Reisebeschreibungen nieder, in denen der Autor stets der Seele der Menschen und der Landschaft sowie den sozialen und politischen Hintergründen und Zusammenhängen der jeweiligen Region nachspürte. Der bedeutende Verleger Fritz Molden charakterisierte Fink in einem 1981 gesendeten Fernsehporträt mit den treffenden Worten: „Er versteht es, weit über das technische Beschreiben eines Landes und seiner Menschen hinaus, die Seele zu finden, Widersprüche und Probleme aufzuzeigen.“

Humbert Fink zeigte immer wieder soziale Ungerechtigkeiten auf und er wies schon früh eindringlich auf die fortschreitende Gefährdung und Zerstörung von bisher naturbelassenen Lebensräumen hin, die bedenkenlos dem Ausbau des Tourismus, der „Urlaubsindustrie“, geopfert wurden. Buchtitel wie „Zornige Träume - Report über die Mittelmeerländer“, „Anatolische Elegie – Vom Bosporus bis Antiochia“ oder „Süditalien – Tränen unter der Sonne“ zeugen von der unverhüllt kritischen Einstellung des Autors. Besonders erfolgreich und mehrfach aufgelegt wurde sein Buch „Am Anfang war die Ägäis. Von Inseln und Küsten“, ein Reisebegleiter im besten Sinne des Wortes. Andere Reisebücher, die den Mittelmeerraum zum Thema haben, sind etwa „Das Heilige Land - Von Galiläa bis zum Sinai“, „Iberische Sonne - Das mediterrane Spanien von Katalonien bis Andalusien“ oder „Adriatische Ufer – Montenegro – Dalmatien – Kroatisches Küstenland – Istrien – Venetien – Emilia Romagna – die Marken – Apulien“. Humbert Fink beschrieb die Pilgerstraßen durch Europa ebenso wie das Heilige Land, er verfasste eine Kulturgeschichte der Heiligen und veröffentlichte eine Geschichte des Ersten Kreuzzuges. Aber auch der Geschichte und den Landschaften Österreichs und Kärntens, das der weit gereiste Kosmopolit als seine wirkliche Heimat betrachtete, waren mehrere Bücher bzw. Essays oder Beiträge in diversen Anthologien gewidmet, etwa „Begegnung mit Kärnten“ (1987), „Impressionen aus Österreich“ (1984) oder in den MERIAN–Monatsheften „Kärnten“ (11/1970 und 4/1986). Immer wieder wies er auch auf das „Phänomen Kärnten“ hin, nämlich auf das Zusammentreffen verschiedener Kulturbereiche, die gemeinsame Geschichte von deutsch sprechenden und slowenisch sprechenden Kärntnern und auf das unbewältigte Minderheitenproblem.

Namhafte Verlage brachten Humbert Finks Bücher heraus, darunter so bekannte wie der Verlag Fritz Molden, der Paul-List-Verlag, der Pinguin- bzw. Umschau-Verlag oder der ECON-Verlag. Die beiden Klagenfurter Verlage Ferdinand Kleinmayr und Lojze Wieser bilden sozusagen die Eckpfeiler im Gesamtwerk Finks, nämlich für die erste Veröffentlichung im Jahre 1953, die „Verse aus Aquafredda“, und seine posthum erschienenen Beiträge in der Reihe „Europa erlesen“ (1998-2006).

Sein Wirken hatte wahrlich viele Facetten. Auch als Herausgeber machte sich Humbert Fink einen Namen. 1957/58 gab er „Die österreichischen Blätter“, eine kulturpolitische Monatsschrift, ab 1959 mit P. Kruntorad die „Hefte für Literatur und Kritik“ und ab 1966 die kulturpolitische Monatsschrift „wort in der zeit“ heraus.

Seit Mitte der sechziger Jahre gestaltete und sprach Fink Sendereihen im Österreichischen Rundfunk, und zwar im Wochenrhythmus. Zuvor schon war er als Autor und Vortragender regelmäßiger Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks und anderer deutscher und schweizerischer Rundfunkstationen tätig gewesen. Bekannt wurde er nun vor allem durch die „Kulturpolitischen Perspektiven“, so hießen seine wöchentlichen halbstündigen Kommentare zur Kulturpolitik auf Ö1, die bis 1979 gesendet wurden, und durch seinen Kommentar in der Mittagssendung des Landesstudios Kärnten jeden Donnerstag. In seiner Sendung „Die literarische Werkstatt“ stellt Humbert Fink junge Kärntner Schriftsteller vor, darunter etwa G. F. Jonke mit seinem Debütwerk „Geometrischer Heimatroman“. Junge Hörerkreise erreichte er vor allem durch seine „Finkenschleuder“, die jede Woche auf Ö3 (1973-1976) gesendet wurde, aber auch z. B. 1975 durch seinen Eröffnungsvortrag für die „Szene der Jugend“ in Salzburg mit dem Thema „Aufforderung zum Misstrauen“. Damals schon hat Humbert Fink auch heute noch aktuelle Themen wie die Beschneidung bzw. Verstümmelung von Frauen in Afrika angesprochen. Seine zahlreichen Sendereihen im Hörfunk, die ab 1975 als Lesetexte auch in Buchform veröffentlicht wurden, wiesen immer höchste Einschaltquoten auf. Auch für mehrere ORF-Fernsehfilme verfasste Humbert Fink die Drehbücher und gestaltete die Moderation, z. B. 1976 zum Thema „Österreich vor 1000 Jahren“ oder 1977 für ein Österreich-Bild am Sonntag über „Die Drau“. Im legendären „Club2“ war er mehrmals Diskussionsteilnehmer.

Im „Strohkoffer“, einem Kellerlokal des 1947 gegründeten Wiener Art Clubs unter der Loos-Bar nahe der Kärntner Straße, das der Wiener Künstler-Avantgarde seit Dezember 1951 Raum für Zusammenkünfte bot, war Fink u. a. mit dem Schriftsteller H. C. Artmann (1921-2000) in engen, freundschaftlichen Kontakt gekommen. In den fünfziger Jahren wurde er auch Mitglied der literarischen Plattform „Gruppe 47“ (1947–1967), die sich im Deutschland der Nachkriegszeit die Wiederbelebung einer jungen deutschen Literatur zum Ziel gesetzt hatte. Im Jahre 1953 wurde Ingeborg Bachmann (1926-1973) mit dem Preis der „Gruppe 47“ für Nachwuchsautoren ausgezeichnet. Die in Klagenfurt geborene Bachmann sollte zu einer der größten Autorinnen Österreichs werden. Jahrzehnte später, nach ihrem tragischen Unfalltod in Rom, wurde Humbert Fink neben dem damaligen Landesintendanten des Österreichischen Rundfunks (ORF) in Kärnten, Ernst Willner, zum Initiator und Mitbegründer des Ingeborg-Bachmann-Preises, eines Literaturwettbewerbs, der in seiner Konzeption an die „Gruppe 47“ angelehnt war. Seit 1977 wird Klagenfurt jedes Jahr im Juni zum Zentrum der jungen deutschsprachigen Literatur, und bis 1986 war Fink auch jedes Jahr Jurymitglied bei den Lesungen und Mitherausgeber der „Klagenfurter Texte“. In dieser Dokumentationsreihe erschienen im Anschluss an den Wettbewerb die Texte der Preisträger/innen, ferner Presseberichte, Fotomaterial, Auszüge aus den Jurydebatten und die Begründungen für die Preisvergabe. Außerdem war Humbert Fink der Begründer des Internationalen Publizistik-Bewerbes, bei dem sich seit 1985 Journalisten und Publizisten einer Fachjury stellten. 1989 wurde Fink Begründer und Juror des Literaturpreises „Preis der Arbeit“ der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Kärnten.

Freundschaftlich und intellektuell verbunden war Humbert Fink bis zu seinem Tod dem Kärntner Komponisten und Schriftsteller Gerhard Lampersberg (eigentlich Gerhard Lampersberger, 1928-2002) und dessen Ehefrau Maja (geb. Weis-Ostborn, 1919-2004), deren „Tonhof“ in Maria Saal eine wichtige Begegnungsstätte der künstlerischen Avantgarde der fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts war. Fink hat den vom Kärntner Kulturbetrieb „auf eine fast sträfliche Weise vernachlässigten“ und „dem einheimischen Konzertpublikum eher vorenthaltenen“ zeitgenössischen Komponisten und gastfreundlichen Mäzen mehrfach in seinen kulturpolitischen Kommentaren und Porträts gewürdigt (z. B. in „Neue Kronen-Zeitung“ vom 5.Mai 1987, 18-19) und auf dessen beachtliche Erfolge im Ausland hingewiesen.
Einen großen Raum im Schaffen von Humbert Fink nahmen über Jahrzehnte hinweg seine literaturkritischen und kulturpolitischen Beiträge für renommierte deutsche Pressemedien, darunter die „Süddeutsche Zeitung“, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ oder „Die Zeit“, ein. In Kärnten war er Mitarbeiter der Tageszeitungen „Neue Zeit“ und „Kleine Zeitung“ (1972–1983). Sehr bekannt hierzulande war Finks kritische Kolumne „Humbert Fink meint“ in der „Kronen-Zeitung“, für die er seit 1983 bis zu seinem Tod als täglicher Kolumnist arbeitete. Er war zweifellos ein oft unbequemer, überaus kritischer, dabei unbestechlicher und kompromissloser Kommentator und Analysator des täglichen Geschehens. „Nichts war ihm fremder, als etwa ‚Verbindlichkeit’; manche Kärntner sind ihm übers Grab hinaus bitterböse geblieben.“

Mit all seinem publizistischen Gewicht aber setzte er sich nicht nur für wichtige kulturpolitische Belange und Projekte ein, sondern immer wieder auch für die Randgruppen der Gesellschaft, für die Kleinen, Kranken, Benachteiligten und Behinderten. Die unermüdliche Arbeit an seinen Zeitungsartikeln, Rundfunksendungen und Büchern sorgte bis zu seiner letzten Stunde für einen ausgefüllten Tagesablauf. Seine eigene schriftstellerische Neugierde begründete Fink einmal folgend: “Ich hab’ wissen wollen, warum die Geschichte der Menschheit so unmenschlich ist.“ Zu den obersten Leitmaximen des „journalistischen Gewissens Österreichs“ gehörte neben seinem Fleiß und seiner Unabhängigkeit vor allem die Verpflichtung zur Wahrheit seinem Publikum gegenüber, auch wenn dies von der Politik nicht immer goutiert wurde. Sein umfassendes Wissen, sein großes Talent zu schreiben, die Macht der Sprache, die er wie kaum ein anderer beherrschte und gegen deren drohende Verschlamptheit er sich immer mit Vehemenz wehrte, all das stellte Humbert Fink in den Dienst an seinem Publikum – und es war ein großes Publikum. Die Modulationsfähigkeit seiner sonoren, dynamischen Stimme, die bei Radiosendungen oder Lesungen aus seinen Büchern die Zuhörerschar sofort in ihren Bann gezogen hat, bleibt unvergessen.

Humbert Fink, immer engagiert, dabei eigenwillig, oft „unbequem“, aber stets qualitätsvoll, hat sich große Verdienste um das Kulturleben in Kärnten und um die Kulturgeschichte weit über die Landesgrenzen hinaus erworben. In Würdigung seiner Leistungen erhielt er u. a. 1963 den Österreichischen Staatspreis für Erzählungen, 1965 den Theodor-Körner-Preis und 1981 die Robert-Musil-Verdienstmedaille der Stadt Klagenfurt. Er starb am 16. Mai 1992 im 59. Lebensjahr nach schwerem Leiden in seinem Wohnort Maria Saal, wo er seit 1978 mit seiner Frau Ulrike und seinem Sohn Gregor gelebt hatte. Sein Grab auf dem Urnenfriedhof in Maria Saal ziert ein Zitat aus seinem Roman „Die Absage“: „La Speranza heißt die Hoffnung … und ich entsinne mich nur zögernd des Lebens, das wie die Hoffnung nicht aufhören kann zu bestehen.“
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